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Joachim Tauber

L I T A U E N

Das Staatsgebiet der Republik Litauen umfasst ein Territorium von 65200 Quadratkilometern, in dem 3,7 Millionen Menschen leben.
Damit kann der baltische Staat, was seine geographischen und demographischen Kenndaten anbelangt, im Rahmen der EU mit Irland verglichen werden.
Rund 80 Prozent der Bevölkerung sprechen Litauisch, die größten Minderheiten im land stellen Russen mit 8,3 Prozent und Polen mit 7 Prozent.
Das Litauische gehört nicht zu den slawischen Sprachen, sondern bildet mit dem Lettischen den baltischen Sprachenzweig des Indogermanischen.
Sprache und Tradition besitzen im litauischen Selbstverständnis einen außerordentliche hohen Stellenwert, denn die Umbrüche der europäischen Geschichte stellten die Existenz einer litauischen Nation mehrmals infrage.


HISTORISCHER ÜBERBLICK


Die Republik Litauen stellt die dritte Staatlichkeit des litauischen Volkes dar und versteht sich als in der Tradition des mittelalterlichen litauischen Staates und der "ersten Republik" (1918/19 bis 1940) stehend.
Das Großfürstentum Litauen erstreckte sich in seiner größten Ausdehnung von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer.
Der 1569 mit der Union von Lublin besiegelte polnisch-litauische Doppelstaat brachte das Großfürstentum in den polnischen Orbit und führte dazu, dass Litauen das Schicksal Polens teilte und unter die Herrschaft des zarischen Russlands fiel. (*1*)

Erst der Zusammenbruch des Zarenreiches und des wilhelminischen Deutschlands am Ende des Ersten Weltkrieges eröffnete die Möglichkeit zur Neugründung eines litauischen Staates, die sich in scharfer Abgrenzung von Polen vollzog.
Die Demokratie in Litauen scheiterte jedoch bereits im Dezember 1926, als ein Putsch jüngerer Offiziere eine nationale Splittergruppierung an die Macht brachte.
Allerdings konnten sich die Tautininkai, die "Völkischen", mit Antanas Smetona auf eine der profiliertesten Persönlichkeiten um die Unabhängigkeit stützen.
Er stand bis 1940 als Staatspräsident an der Spitze eines gemäßigt autoritären Systems.

Im Gefolge des Hitler-Stalin-Paktes geriet Litauen in sowjetische Hand.
Nachdem die Sowjetunion bereits im Oktober 1939 die Regierung in Kaunas zu der Stationierung von Einheiten der Roten Armee in exterritorialen Basen genötigt hatte, erzwang sie am 15. Juni 1040 durch ein Ultimatum den endgültigen Einmarsch der Roten Armee.
Innerhalb weniger Wochen inszenierte Moskau die Farce eines "freiwilligen" Eintritts Litauens in die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken.
Damit begann nicht nur die soziale und ökonomische Sowjetisierung des Landes, sondern auch die Verfolgung von "Klassenfeinden" und "antisowjetischen Elementen" unter den Vorzeichen des stalinistischen Systems.
15000 Menschen wurden nach Sibirien und in den GULAG (*2*) deportiert.

Die deutsche Besatzung der Jahre 1941 bis 1944 stellte aus litauischer Perspektive nur ein kurzes Zwischenspiel dar, obwohl sie bis heute ein schreckliches Vermächtnis beinhaltet: Zwischen Juni und Dezember 1941 wurden fast alle litauischen Juden in einem grausamen Blutbad ermordet.
Die litauische Beteiligung stellt heute eines der wichtigsten Probleme auf dem Weg zu einer offenen Gesellschaft dar. (*3*)

Die Rückeroberung Litauens 1944 durch die Rote Armee brachte die Potenzierung der Erfahrungen von 1940.
Die sowjetischen Sicherheitsorgane deportierten mehr als 100.000 Litauer und sahen sich dennoch weiterhin einer feindlichen Umgebung gegenüber.
Bis 1953 kämpften litauische Partisanen, die so genannten Waldbrüder", in einer gnadenlosen Auseinandersetzung gegen die sowjetische Besatzungsmacht.
Die Jahre 1940 bis 1953 haben in der litauischen Bevölkerung ein Trauma hinterlassen, das bis heute nicht überwunden ist.

So überrascht es nicht, dass der in den Schlagworten Glasnost und Perestroika versinnbildlichte Versuch einer inneren Reform der Sowjetunion in den baltischen Staaten bald in einen Unabhängigkeitskampf überging.
Nachdem das erste frei gewählte Parlament am 11. März 1990 eine einseitige Unabhängigkeitserklärung verabschiedete und Moskau mit einer Wirtschaftsblockade geantwortet hatte, stand Litauen an der Spitze des baltischen Freiheitskampfes.
Der gewaltfreie Widerstand der litauischen Bevölkerung konnte dennoch nicht verhindern, dass am 13. Januar 1991 sowjetische Spezialeinheiten bei ihrem Sturm auf den Fernsehturm in Vilnius 13 unbewaffnete Demonstranten ermordeten.
Die Beerdigung der Opfer, zu der Hunderttausende aus dem ganzen Land angereist waren, gestaltete sich zur eindrucksvollsten Demonstration des litauischen Freiheitswillens und erfasste nun endgültig das ganze Land.
Der gescheiterte Moskauer Putsch im August 1991 führte schließlich dazu, dass auch die westlichen Staaten bereit waren, die Unabhängigkeit Litauens anzuerkennen.

(*1*) Vgl. zur Geschichte bis 1918: Hellmann, Manfred: Grundzüge der Geschichte Litauens und des litauischen Volkes, Darmstadt 1990

(*2*) Der GULAG, Glavnoe Upravienije Lagerej, war die Hauptverwaltung des Straflagersystems in der UdSSR von 1950 bis 1955

(*3*) Im Herbst 1998 wurde durch Dekret des litauischen Präsidenten Valdas Adamkus eine internationale Kommission zur Erforschung der nationalsozialistischen und sowjetischen Verbrechen in Litauen gegründet. Der Kommission, der auch der Verfasser dieses Beitrages angehört, liegen inzwischen die ersten historischen Gutachten zu den Ereignissen vor. Zur Arbeit der Kommission im Januar 2001
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