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veröffentlicht 24.03.01
Litauen zwischen Armut und Prunk
Ulla Amsler (Hilfe für Plunge) besuchte drei Wochen Mendens Partnergemeinde. Viel Zeit für persönliche Gespräche, fröhliche Fest und die Projekte, die der Verein unterstützt. Erschütternde Besuche und fantastische Kultur.  
Von Ulla Amsler.

Wieder eine Fahrt nach Plunge - diesmal alleine und für drei Wochen. Zeit für viele private Gespräche mit Freunden, Zeit für fröhliche Feste, aber vor allen Dingen Zeit für die Projekte, die der Verein "Hilfe für Plunge/Litauen e.V." materiell sowie finanziell unterstützt.
So wird im April das Altenheim neben der Plunger Kirche offiziell eröffnet. 20 Betten mit den dazugehörigen Nachtschränkchen wurden von einem Plunger Schreiner aus massiver Kiefer angefertigt, neue Matratzen mit neuen Lattenrosten kamen aus Menden - alles finanziert von "Hilfe für Plunge"! Die fehlenden Kleiderschränke werden zur Zeit noch in Plunge hergestellt.

Die Stadtverwaltung muss noch sehr sparen, d.h., die finanziellen Mittel für Renovierungen, Verbrauchsmaterial und Heizungen in den Schulen wurden noch mehr gekürzt. Dementsprechend war es wieder sehr kalt in den Schulen (Minusgrade und Schnee draußen), die Decken und Wände vielfach schwarz von Pilz befallen.

Die überaus dringenden Ausbesserungen können in diesem Jahr wieder nicht durchgeführt werden. Einige dieser Schulen wären in Deutschland wegen Gefährdung von Schülern und Lehrern, wegen fehlender Hygiene, bereits längst geschlossen.

So war ich Gast bei einer 80-jährigen, sehr fröhlichen Jubiläumsfeier in einer Dorfschule.


Die Armut ist fast überall greifbar in Mendens Partnerstadt.
In dieser Schule herrscht eine familiäre, liebevolle Atmosphäre, die hygienischen Verhältnisse sind jedoch katastrophal. Es gibt drei "Toiletten", das heißt, in drei Bretterbuden draußen im Garten ist im Boden jeweils ein großes Loch für Mädchen, Jungen und Lehrer.

Die Schulleiter müssen viel Energie und Phantasie aufbringen, um den Schulbetrieb so einigermaßen aufrecht zu erhalten.
Ein Schulleiter im Bezirk Plunge (Klasse 1 bis 10, 317 Schüler mit angeschlossenem Wohnheim) hatte folgende gute Idee: In seiner Schule werden ab 1. September Pädagogen aus der litauischen Armee Schüler ab Klasse 9 unterrichten.
Dieser Unterricht gilt als Ersatz für den Militärdienst, oder wer doch zum Militär gehen möchte, wird sofort in einen höheren Dienstgrad eingestuft.

Die Schüler können Lkw- und Pkw-Führerscheine erwerben, werden in handwerklichen Bereichen, Landes- und Sozialkunde unterrichtet, sie werden auch deutschen Sprachunterricht erhalten - alles, was man für eine bessere Qualifikation im späteren Berufsleben braucht.
Der Schulleiter hat so seine Transportprobleme gelöst - er bekommt je einen Lkw und Pkw vom Verteidigungsministerium, das die Lehrer bezahlt und, ebenfalls die für diesen Zweck benötigten Räume renoviert. Dies ist einmalig in Litauen und wertet seine "vergessene" Dorfschule enorm auf.
Allerdings muss auch der katastrophale Zustand des Schulwohnheims beseitigt werden, da es dann noch mehr Internatsschüler geben wird. Hier hofft er auf die Unterstützung von "Hilfe für Plunge".

Das Museum im Schloss Oginskis hat einen neuen Direktor. Im ehemaligen Gästehaus des Fürsten Oginski, jetzt ist dort noch die Verwaltung untergebracht, sollen vier Gästezimmer renoviert und neu eingerichtet werden.
Mit dem nächsten Transport sendet der Verein bereits Renovierungsmaterial - Fliesen, Tapeten, Farben usw. nach Plunge. In Zukunft können dann nationale sowie internationale Künstlergruppen dort für längere Zeit arbeiten und ausstellen.

Am erschütterndsten waren die Besuche in Familien, in denen Behinderte leben und die vom Plunger Verein "Viltis" (Hoffnung)
betreut werden.
Ein weiteres Projekt von "Hilfe für Plunge" ist, 50 dieser Familien durch materielle Hilfe ihre Lebenssituation zu verbessern.
Viele dieser Familien - oft fehlt der Vater - leben außerhalb des Zentrums in einer kaum vorstellbaren Armut.
Die kleinen, abbruchreifen Häuschen sind nur auf festgefrorenem Boden mit dem Auto zu erreichen, für die behinderten Familienmitglieder keine Chance, eine angemessene Förderung zu bekommen. Sie leben von sehr geringen Renten und von der Sozialhilfe. Resignation und Hoffnungslosigkeit waren überall zu spüren.

Der Gegensatz im äußeren Erscheinungsbild des Plunger Stadtzentrums klafft immer weiter auseinander. Einige nach unserem Standart renovierte oder neu gebaute Geschäfte, eine protzige Bank, einige sehr gepflegte neue Privathäuser - daneben die vielen verfallenen alten, vor langer Zeit einmal sehr schönen typischen Holzhäuser.


"In" ist jetzt das neue Selbstbedienungsrestaurant im Zentrum. "Katpedele" (übersetzt "Katzenpfötchen", eine alte litauische Heilpflanze).
Hier ist keine nervtötende laute litauische Popmusik, es gibt schönes Holzmobiliar, gute Toiletten (immer noch ein Manko in Litauen) und große Fenster, aus denen man draußen alles beobachten kann - für Plunge mit seinen dunklen, muffigen kleinen Restaurants sehr ungewöhnlich! Nur, für die Mehrheit der Bevölkerung ist das umfangreiche, leckere Speiseangebot nicht erschwinglich.

Dann Vilnius, die Hauptstadt - eine andere Welt! Hier ist das kulturelle Zentrum des Landes, die Altstadt mit ihren vielen wunderschönen barocken Kirchen, die liebevoll renovierten Prachtbauten - alles finanziert von der UNESCO - gehört heute zum Weltkulturerbe.
Jedoch herrscht in den Plattenbausiedlungen in den Vororten große Arbeitslosigkeit, Not und Trostlosigkeit. In den schicken, teuren Restaurants können sowieso nur Botschaftsangehörige zahlungskräftige Touristen und neureiche Litauer gehen.
Es gibt phantastische Aufführungen in der Oper, im Dramentheater, in der Philharmonie und auf den vielen Kleinkunstbühnen mit litauischen Weltklassekünstlern, die leider nur wenigen im Westen bekannt sind.
Für eine kurze Zeit vergessen sind die vielen Besucher, es gibt fast immer ausverkaufte Vorstellungen, ihre schlechte wirtschaftliche Situation.

In einem Gespräch mit dem deutschen Botschafter in seiner Residenz in Vilnius und mit der Leiterin für EU-Programme wurden die vielen Fördermöglichkeiten für die unterschiedlichen Projekte in Plunge erörtert.
Im Deutschen Kulturzentrum in Plunge, eröffnet und unterhalten mit Unterstützung von "Hilfe für Plunge" gab es zum Abschluss meines Aufenthaltes in Litauen ein wunderschönes, klassisches Konzert - ein Geschenk an die vielen Plunger Freunde für ihre liebevolle Fürsorge. Saulius Lpicius, Vater (Cello)und Sohn (Gitarre) waren schon mehrfach in Menden und begeisterten auch die Plunger.
Der Vize-Gesundheitsminister in Begleitung unserer langjährigen Freundin Ramune, juristische Leiterin im Gesundheitsministerium, kam für einen kurzen privaten Besuch und bedankte sich sehr herzlich für die große Hilfe, die der Verein für das Plunger Krankenhaus und für die Poliklinik geleistet hat.

Mein letzter Tag in Plunge war von einem tragischen Ereignis überschattet. Stasys Adomavicius, Anästhesist im Plunger Krankenhaus hatte geplant, mit nach Menden zu fahren. Eine Woche Arbeit im St. Vincenz-Krankenhaus und eine Foto-Ausstellung über seine langjährige ärztliche Tätigkeit.
Doch sein zwölfjähriger Sohn wurde entführt. Die Familie sollte 10.000 Dollar zahlen. Die Plunger Polizei sucht mit dem verzweifelten Vater zwei Tage die ganze Plunger Umgebung ab. Dann nahm die Polizei einen verdächtigen älteren Mitschüler des Sohnes fest, und dieser gestand die Tat. Der Zwölfjährige wurde gefesselt und geknebelt in einem alten Haus gefunden und sofort ins Krankenhaus gebracht.

Der dreiwöchige Aufenthalt in Plunge war notwendig und wichtig, denn nur wenn man den ganz normalen Alltag erlebt, versteht man die Lebenssituation der Menschen in unserer litauischen Partnerstadt besser.
Auf Einladung des Vereins werden vom 28. April bis 5. Mai die Leiterin der Bildungsabteilung mit fünf Plunger Schulleitern kommen. Sie möchten in verschiedenen Mendener Schultypen am Unterricht teilnehmen.
 
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