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veröffentlicht: 05.06.04
Deutsche Kunst - in Litauen gemacht 
Spartenübergreifend waren Künstlerinnen in Mendens Partnerstadt Plunge - pünktlich zur Erweiterung der Europäischen Union. Sie lernten Land, Stadt und Leute kennen und konzentrierten Wissen und Gefühl

Mit der Vorgabe, außer eines Vernissage-Termins keine Vorgabe zu haben, sind die Mendenerin Ulla Brockfeld und die Iserlohnerin Dagmar Müller mit "Hilfe für Plunge" in die Partnerstadt Mendens gereist, um hier künstlerisch tätig zu werden.
Während Europa die Erweiterung feierte, haben sie sich ein paar Tage aufmerksam umgeschaut und dann zwei Wochen hart gearbeitet. Mit einem bemerkenswerten Erfolg.

Ulla Amsler (l.) brachte die Künstlerinnen aus Deutschland auf den Gedanken, ihre Arbeiten in Plunge zu zeigen.
Daraus entwickelte sich der Gedanke, sich vor Ort inspirieren zu lassen, vor Ort zu arbeiten und umgehend auszustellen.
"Eine tolle Erfahrung" sagt Ulla Brockfeld (2.v.l.), die schon häufiger mit der Goldschmiedin Dagmar Müller (3.v.l.) zusammen gearbeitet hat.
Weiter im Bild: Barbara Wagner und Eva von der Dunk.

"Das war eine tolle Erfahrung" ist Ulla Brockfeld, die eigentlich als Keramikerin arbeitet, begeistert - begeistert von der Gastfreundschaft der Litauer, ihrer Offenheit, ihrer Bereitschaft, alles stehen und liegen zu lassen, um den Künstlerinnen aus Deutschland zu helfen.
Spartenübergreifend hat die Gruppe von Kunstschaffenden, die Ulla Amsler um sich versammelt hatte, um in Plunge deutsche Kultur aus- und darzustellen, eine beeindruckende Vernissage gezeigt, die in einer Dokumentation von der litauischen Fotografin Christina Pauluskaite festgehalten wird.

Bei der Ausstellungseröffnung im Schlossmuseum Oginskis beeindruckte Angela Kalwa, die in Menden zur Eröffnung des FrauenKunstForum-Projekts "Liebe an Unorten - 47" tanzte, mit ihrem ausdruckstarken Butoh-Tanz.
Die Lyrikerin Eva von der Dunk trug eigene Texte vor - und Gedichte von der kürzlich verstorbenen litauischen Dichterin Daute Pauluskaite - auf Deutsch und fünf auf Litauisch.
Barbara Wagner aus Wetter hatte in der Leinenfabrik, die die Gruppe zu Beginn ihrer Zeit in Plunge besichtigt hatt, Fässer mit Leinenfäden installiert, aus denen "Gedankenflügel" schwebten.

Ulla Brockfeld und Dagmar Müller hatten neben diversen kleinen Stücken zwei große Installationen aufgebaut.
"An der Gedenkstätte Kausinai kam uns der Gedanke, den hier begrabenen 84 Mädchen ein Kunstwerk zu widmen", erklärt Ulla Brockfeld.
Zirka 2000 Juden wurden hier erschossen.
Als Grabplatte wurde an der Gedenkstätte ein großer Judenstern angebracht, den die beiden Künstlerinnen zunächst in Papierform abnahmen.
In der Plunger Leinenfabrik ließen sich die Arbeiterinnen nicht lange bitten und schnitten den Stern aus einer zentimeterdicken Recycling-Filzschicht aus.



"Vor Ort haben wir mit Drahtfäden 84 Steine auf den Stern genäht" berichtet Ulla Brockfeld. Dies in Anlehnung an den Brauch beim Besuch eines jüdischen Grabes einen Stein niederzulegen.
Weil während dieser Arbeit an der Gedenkstätte ein ziemlicher Wind ging, haben sich zahlreiche Birkensamen in dem Filz verfangen.

Wenn jetzt noch das Element Wasser dazu käme, könnte aus dem Stern etwas wachsen ... doch der Stern wurde im Schloss Oginskis in einem Raum platziert, an dessen Wänden zwei Fotos von Christina Pauluskaite das Kunstwerk komplettieren.
Einmal ist der Grabplattenstern frei zu sehen, einmal ist er von dem Kunstwerk bedeckt.
Zum Werk dazu gehört noch ein Schulheft, in das eine zehnjährige Schülerin aus Plunge die 70 bekannten Namen der getöteten Mädchen schrieb.

Ein Gemälde inspirierte Ulla Brockfeld und Dagmar Müller zu einem weiteren Kunstwerk, das mit ihrer bisherigen Schaffensweise nichts zu tun hat.
Auf brachliegendem, ausgetrocknetem, aufgebrochenem Boden steht vor endlos weitem Horizont eine Tüte, die aus einer Zeitung gefaltet wurde und an einer Seite von drei Büroklammern zusammengehalten wird.
Aus der Tüte heraus ragt ein Pflanzenstängel, der allerdings keinen lebenden Trieb vorweisen kann. Aus russischen, hebräischen und litauischen Zeitungen bildeten die beiden Künstlerinnen Tüten nach diesem Vorbild.
Weiß lackierte Zweige nehmen das zum Pflanzen mitgebrachte Fünkchen Hoffnung
auf ein neues Leben aus dem Bild an der Wand auf. Das Kunstwerk der beiden Frauen aus Deutschland korrespondiert mit dem Bild im litauischen Schloss Oginskis.

Noch ein zweites Mal war Plunges Leinenfabrik Ausgangspunkt für eine Installation: Barbara Wagner stellte je neun Tonnen, die hier genutzt werden, im Schloss auf.
In der einen Gruppe herrschte das Chaos ungebändigter Fäden, die andere Gruppe strahlte den seidigmatten Glanz wohl sortierter Fasern aus.
Aus den Tonnen heraus spinnen sich die Fäden empor, an denen die Künstlerin bemalte Fähnchen befestigt hat - Gedankenflügel.

Pressekonferenz
- diverse Zeitungen und das regionale Fernsehen interessierten sich sehr für die Arbeit der deutschen Künstlerinnen in Plunge.

Zahlreiche litauische Künstler und selbst der Kultusminister ließen es sich nicht nehmen, die Ausstellung zu betrachten.

Die Lyrikerin Eva von der Dunk hatte nicht einfach "nur" ihre Gedichte mitgebracht, sondern setzte sich in Plunge mit dem Werk von Danute Pauluskaite und Nijole Mailiauskaite auseinander - und mit der litauischen Sprache.
Ihr Vortrag auf Litauisch war auch eine Würdigung der "anderen" Wort- und Sprechkultur.
"Auch das hat die Litauer sehr beeindruckt", berichtet Ulla Brockfeld, die sich von den Menschen in Plunge ausgesprochen gut aufgenommen fühlte.
"Wir haben so viele unterschiedliche Kontakte geknüpft, haben von so unterschiedlichen Seiten her die größt mögliche Unterstützung bekommen, haben tolle Feste gefeiert und dann wieder konzentriert gearbeitet.
Wenn es noch einmal eine Ausstellung von deutschen Künstlerinnen in Litauen gibt - dann ganz sicher nicht mit fertigen Objekten, sondern mit Dingen, die vor Ort entstehen.
Es war ein völlig anderes Arbeiten, eine ganz andere Vorgehensweise.
Wir haben so viel über das Land und die Stadt erfahren und dieses umgehend umgesetzt.
Das war ganz einfach klasse." Der Erfolg gibt ihr Recht.

 
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